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Wenn
man von einem gescheiten Menschen eine Dummheit
hören will, genügt es, ihm ein Urteil
über Russland abzuverlangen. Da entlarvt sich
beinahe jeder Ausländer als Dummkopf.
Hans Dieter Schreeb schreibt in seinem Roman
Primadonna dem Russen Nikolai Nikolajewitsch
Borodin diese Worte zu. Am 9. Oktober 1883, dem Tag
der Beisetzung Iwan
Turgenjews in
Sankt Petersburg, sollen sie der Vorstellung des
Autors zufolge gefallen sein.
"Unser Herr Borodin", dessen Herkunft gewisse
Ähnlichkeiten mit seinem Namensvetter, dem
Arzt, Chemiker und Komponisten Alexander
Porfirjewitsch Borodin,
aufweist, logiert 1863 nach dem Willen Hans Dieter
Schreebs in derselben Pension an der Baden-Badener
Lichtentaler Allee wie Carlotta Vogt, die
Hauptperson des Romans. Die 18jährige
Frankfurter Verlegerstochter ist in die
Sommerhauptstadt Europas gekommen, um bei Pauline
Viardot Gesangsunterreicht zu nehmen.
Mitgenommen wird der Leser nicht nur in die
fesselnde Entwicklungs- und Erfolgsgeschichte einer
fiktiven außergewöhnlichen
Sängerin, in deren Leben Iwan Turgenjew zur
Hauptperson wird. Er wird auch vertraut gemacht mit
der besten Zeit Baden-Badens, während derer
hoch gestellte Persönlichkeiten und eine
Vielzahl an Künstlern das gesellschaftliche
Leben bestimmten. Carlottas Vater lässt sich
bei der Lektüre des "Badeblatts" dazu hinreißen zu bemerken:
"Es ist ja ungeheuerlich, was alles in Baden-Baden
absteigt."
Das von Russen mitgeprägte Flair der Kurstadt
wird ebenso spürbar wie die deutschen und
russischen Lebensverhältnisse in den Zeiten
des gesellschaftlichen Umbruchs im Europa des 19.
Jahrhunderts.
Hans Dieter Schreeb maßt sich allerdings kein
Urteil an, auch nicht über Russland. Er
lässt seine einfühlsame Geschichte um
Liebe, Erfolg, Seelennöte und Tod im Oktober
1883 auf Iwan Turgenjews Gut Spasskoje enden, mit
den Worten: "Sie hätten im Sommer kommen
sollen. Im Sommer ist hier der Himmel."
Rika Wettstein, Baden-Baden
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