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Summer in Baden-Baden
(Englischsprachige Ausgabe)
Sommer in Baden-Baden, geschrieben zwischen 1977
und 1981 ist ein verlorenes Meisterwerk, eine der
bedeutendsten Leistungen russischer Literatur in
der zweiten Hälfte des Zwanzigsten
Jahrhunderts, dessen Autor, Leonid Tsypkin
(1926-1982), nie erlebte, dass eine einzige Seite
seines literarischen Werkes zu seinen Lebzeiten
veröffentlicht wurde.
Ein komplexer, höchst origineller Roman, der
in einer Prosa geschrieben ist, welche sich an die
Intensität und Kühnheit eines José
Saramago oder Thomas Bernhard (Autoren, die Tsypkin
natürlich wahrscheinlich nie hat lesen
können) anlehnt, Sommer in Baden-Baden hat
zwei Handlungsstränge.
Es ist Winter, später Dezember, keine
Datumsangabe: eine Art von "jetzt". Ein
Erzähler - Tsypkin - fährt im Zug nach
Leningrad (dem ehemaligen und künftigen
Petersburg). Und es ist Aprilmitte des Jahres
1867.
Der jung verheiratete Dostojewskij, Fjodor, der große
Geschichtenschreiber, und seine jugendliche Frau,
Anna Grigorjewna, sind auf dem Weg nach
Deutschland, auf einer Reise, die sie für vier
Jahre ins Ausland führen wird. Dies ist keine
Dostojewskij- Fantasie wie in J.M: Coetzes "The
Master of Petersburg".
Es ist auch kein Doku-Roman, obwohl ihr Autor
geradezu besessen davon war, alles "richtig" zu
machen. Nichts ist erfunden. Alles ist erfunden.
Dostojewskijs leichtsinnige Leidenschaften für
das Glücksspiel, für seine literarische
Berufung, für seine Frau, werden an ihrer
alles verzeihenden Liebe, die im Wechsel mit der
Liebe zur Unordnung formuliert wird, gemessen. Der
Jünger des Geschöpfes, Leonid Tsypkin,
für Dostojewskij.
In einem bemerkenswerten Einführungsaufsatz
erklärt Susan Sontag, warum es sich wie eine
Art Wunder darstellt, dass Sommer in Baden-Baden
überlebt hat und das glückliche Ereignis
seiner Veröffentlichung in Amerika feiern
kann, zusammen mit einer Wiedergabe von Tsypkins
belagertem Leben und den bedeutsamen Freuden, die
seine wunderbaren Romane hervorrufen. (amazon)
Summer in Baden-Baden
von Leonid Tsypkin, Susan Sontag (Einleitung),
Angela Keys (Übersetzerin)
Sprache: Englisch
Gebundene Ausgabe
146 Seiten
New Directions Publishing Corporation

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Ein Sommer in
Baden-Baden
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Gut vorstellbar ist, dass mancher Russe, der im
dritten Jahrtausend nach Baden-Baden zu reisen
gedenkt, meint, in Leonid Zypkins Werk "Sommer in
Baden-Baden" einen nützlichen Ratgeber zu
finden.
Seinen Irrtum wird er bald bemerken, denn "Ein
Sommer in Baden-Baden" ist die Auseinandersetzung
eines sowjetrussischen Literaten des 20.
Jahrhunderts mit einer, wie man es nennen
könnte, zentralen Persönlichkeit des 19.
Jahrhunderts, mit Fjodor Michailowitsch
Dostojewskij.
Das Tagebuch Annas, der jungen Frau Dostojewskijs,
ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Begleiter eines von Moskau nach Leningrad Reisenden
und dient sozusagen als Beleg für die
Rekonstruktionen dieses Zugreisenden. Diesem ist
Dostojewskijs Leben und künstlerisches Werk
bestens vertraut, gelingt es ihm doch, den
Ereignissen der Monate April bis August 1867
Vergangenes und Zukünftiges beizuordnen und
damit dem Leser Dostojewskij ebenso nahe zu
bringen, wie russische Lebens- und
Denkverhältnisse während zweier
Jahrhunderte anhand markanter Beispiele zu
verdeutlichen.
Wäre Dostojewskij nicht nach Baden-Baden
gereist, sondern beispielsweise in Dresden, einer
seiner Stationen dieser Reise, geblieben,
hätte Leonid Zypkin möglicherweise
Dresden nicht in den Titel eingebunden. So
dokumentiert er mit der Titelwahl jedoch die ihm,
dem 1926 Geborenen, der nie einen Fuß auf
nichtrussischen Boden setzen konnte, wie vielen
anderen seiner Zeitgenossen überlieferte
Bedeutung der einstigen "Sommerhauptstadt Europas"
für seine Landsleute im 19. Jahrhundert.
Anzutreffen sind sie alle in diesem "Sommer in
Baden-Baden", die einflussreichen Russen, die
Casino, Conversationshaus, Allee und die
großen Hotels bevölkern, und
gegenüber welchen Dostojewskij eine krasse
Außenseiterrolle einnimmt. Kontakte zu ihnen
bestehen nicht. Lediglich Iwan
Gontscharow, der im dem Casino gegenüber
gelegenen "Hotel de l'Europe" logiert, wird von ihm
um Geld angegangen, und das Zerwürfnis
zwischen Dostojewskij und Iwan
Turgenjew wird von Leonid Zypkin
beleuchtet.
Die Wirtsleute des jungen Paares, das sich in der
heutigen Bäderstraße 2 eingemietet
hatte, schneiden in Anna Dostojewskajas Tagebuch
offenbar nicht sonderlich gut ab und
bekräftigen Dostojewskijs Meinung, "es
gäbe nirgendwo auf der Welt so viele Halunken
wie in Deutschland". Ein gewisser Spott ist
auszumachen bei Formulierungen wie: "Nach einigen
Minuten machten sie sich auf den Heimweg durch die
akkurat gepflasterten Straßen mit den akkurat
beschnittenen Bäumen, vorbei an den akkuraten
deutschen Häusern…"
Wenn dem Leser nicht klar wäre, dass Leonid
Zypkin Baden-Baden nie persönlich erlebt hat,
könnte er zurückspotten, er habe die
Kurstadt sehr frei beschrieben, denn als der Zug,
der die Dostojewskijs gen Basel bringen soll, die
Stadt verlässt, passiert Folgendes:
"An den Fenstern zogen die klassizistischen
Häuser mit den ziegel- und schiefergedeckten
Dächern vorüber. In der Ferne wurden die
grün bewaldeten Berge sichtbar. Auf einem von
ihnen standen die beiden Schlösser, das Neue
und das Alte. Jetzt, da sie für immer diese
Stadt verließen, sah sie erst wieder - wie am
Abend ihrer Ankunft - die Schönheit des
Städtchens und der Berge ringsum, hinter denen
irgendwo der Rhein bläulich schimmerte."
Dichterische Freiheit mag Leonid Zypkin bei seinen
verschiedenen Beschreibungen der Stadt zugestanden
werden, in einem hat er allerdings Recht: "Die
Schönheit des Städtchens und der Berge
ringsum" war im 19. Jahrhundert Wirklichkeit und
ist es auch im dritten Jahrtausend.
Insofern kann "Ein Sommer in Baden-Baden" doch als
Ratgeber für reisewillige, auf den Spuren
ihrer Vorfahren wandeln wollende Russen betrachtet
werden, wenn sie ein besonders schönes
Fleckchen Erde entdecken wollen.
Den Deutsch sprechenden Lesewilligen von "Ein
Sommer in Baden-Baden" blieb nur der Gang in die
Bibliotheken oder Antiquariate, da die 1983
erschienene deutsche Übersetzung von Heddy
Pross-Weerth im Handel nicht mehr erhältlich
gewesen ist.
Der Berlin Verlag hat im Januar 2006 eine
Übersetzung aus dem Russischen von Alfred
Frank veröffentlicht, die im Wortlaut zuweilen
von der ersten Übersetzung abweicht. So ist
zur Abfahrt aus Baden-Baden zu lesen:
"...rote Backsteingebäude mit
Ziegeldächern glitten an den Fenstern vorbei,
in der Ferne waren bewaldete Berge zu sehen, und
auf einem von ihnen das Neue und das Alte
Schloß mit den darüber aufragenden
Felsen - jetzt da sie für immer abfuhren,
wurde sie aufs neue, wie beim erstenmal, als sie
sich diesem Städtchen genähert hatten,
gewahr, wie schön es samt seiner bergigen
Umgebung war, in der Ferne glänzte das blaue
Wasser des Rheins auf..."
Die einfangende Spannung ist beiden
Übersetzungen indes gleichermaßen
gegeben.
Von Rika Wettstein, Baden-Baden

Ein Sommer in Baden - Baden
Von Leonid Zypkin
Aus dem Russischen von Alfred Frank, mit einem
Vorwort von Susan Sonntag
240 Seiten, Festeinband mit Schutzumschlag, Berlin
Verlag

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